Geteilte Meinungen, gespaltener Zeh – und ein Hype, der nicht abreißt: Die Tabi-Boots des französischen Modehauses Maison Margiela polarisieren seit ihrer ersten Präsentation im Jahr 1988. Inspiriert von japanischer Tradition, vom westlichen Mainstream belächelt – und dennoch auf den Laufstegen, in Streetstyle-Blogs und an den Füßen von Stars wie Dua Lipa, Rosé oder Chloë Sevigny. Was macht diesen seltsam gespaltenen Schuh so besonders?

Ursprung in der japanischen Kultur
Das Design des Tabi-Boots geht auf die japanischen „Tabi“-Socken zurück, die bereits im 15. Jahrhundert getragen wurden – meist aus Baumwolle und mit einer getrennten großen Zehe. Sie ermöglichten es, Zōri- oder Geta-Sandalen mit Riemen zwischen den Zehen zu tragen. Ursprünglich galt der Zehensplit als funktional, später auch als ästhetisch: Die Trennung der großen Zehe symbolisierte Balance und Bodenhaftung.
Der belgische Designer Martin Margiela, berühmt für seine dekonstruktivistische Mode, machte den Tabi 1988 zum Teil seiner ersten Damenkollektion – als knöchelhohen Lederstiefel mit der ikonischen Spaltung. Die Reaktionen reichten von irritiert bis begeistert. Kritiker sprachen vom „Huf eines Ziegenbocks“, Fans von einem genialen Modestatement.
Vom Avantgarde-Symbol zum It-Piece
Was als Provokation gedacht war, wurde über die Jahre zum Markenzeichen – und später zum objektkultischen It-Schuh. Der Tabi-Boot steht für:
- Nonkonformität und Individualität
- Dekonstruktion von Schönheit und Normen
- Einen Mix aus kulturellem Erbe und moderner Mode
In den 2010er-Jahren erlebte der Schuh eine zweite Karriere – getragen von Influencerinnen, gefeiert von Fashion-Redaktionen und viralisierbar durch seinen ungewöhnlichen Look. Die klare Zehenlinie sorgte auf Fotos für Aufmerksamkeit, Margiela brachte jährlich neue Versionen heraus: Lack, Satin, Glitzer, Sneakers, Ballerinas, Heels – die Tabi-Silhouette wurde zur ikonischen Formensprache.
Der psychologische Reiz der Spaltung
Modepsychologen sehen im Tabi eine besondere Ambivalenz: Der Schuh ist weder schön noch hässlich, weder traditionell noch futuristisch. Genau das macht ihn spannend. Er fordert Aufmerksamkeit ein, spricht modische Insider an, schreckt gleichzeitig breite Käuferschichten ab – und wird so zum Statement einer modischen Elite.
Zugleich verleiht die Spaltung eine besondere Körperlichkeit: Trägerinnen beschreiben, dass sie sich bewusster bewegen, stabiler auftreten, sich „geerdeter“ fühlen. In einer Zeit der flüchtigen Trends steht der Tabi-Boot für Beständigkeit und Wiedererkennbarkeit.
Kommerzialisierung und Kritik
Mit wachsender Popularität kam auch die Kommerzialisierung: Preise ab 800 Euro, limitierte Editionen, steigende Nachfrage auf Secondhand-Plattformen wie Vestiaire Collective. Parallel dazu wuchs die Kritik: Kulturelle Aneignung, elitärer Snobismus, fragwürdige Tragbarkeit im Alltag.
Mit Hausschuhen nach draußen? Der seltsame Uggs-Trend
Doch Maison Margiela blieb seiner Linie treu – und schuf mit dem Tabi nicht nur ein modisches Objekt, sondern ein identitätsstiftendes Element für jene, die Mode nicht nur konsumieren, sondern auch dekonstruieren wollen.
Zwischen Modekunst und Straßenkult
Der Tabi-Boot ist kein gewöhnlicher Schuh – er ist ein Statement, eine Haltung, ein Stück Modegeschichte. Zwischen japanischem Erbe und französischer Avantgarde verkörpert er den Bruch mit Konventionen und den Mut zur Andersartigkeit. Wer ihn trägt, spaltet nicht nur den Zeh – sondern auch die Meinung. Und genau das macht ihn so faszinierend.
